Chinas oberstes Gericht erlässt erste KI-Regeln gegen Deepfakes
Chinas Oberster Volksgerichtshof veröffentlichte am 7. September 2026 ein 24 Artikel umfassendes Gutachten, die erste landesweite Rechtsprechungsleitlinie zu KI-Streitigkeiten, gerichtet gegen nicht einvernehmliche Deepfakes, Stimmenklonen und algorithmische Preisdiskriminierung.

Am Montag, den 7. September 2026, veröffentlichte Chinas Oberster Volksgerichtshof (SPC) ein 24 Artikel umfassendes juristisches Gutachten darüber, wie Gerichte mit Streitigkeiten rund um künstliche Intelligenz umgehen sollen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua und die South China Morning Post berichten. Es ist die erste landesweite Leitlinie dieser Art und gibt chinesischen Richtern einen gemeinsamen Rahmen für Verfahren zu Deepfakes, geklonten Stimmen, algorithmischer Preisgestaltung und von KI erzeugten Falschinformationen – obwohl Peking bislang kein eigenes Gesetz zur Regulierung künstlicher Intelligenz selbst verabschiedet hat.
Statt neue Straftatbestände zu schaffen, erklärt das Gutachten den Gerichten laut SCMP, wie vier bestehende Gesetze – das Zivilgesetzbuch, das Cybersicherheitsgesetz, das Urheberrechtsgesetz und das Gesetz zum Schutz personenbezogener Informationen – auf Streitigkeiten rund um generative KI anzuwenden sind. Das Gericht bezeichnete die Leitlinien als die ersten ihrer Art, die darauf abzielen, „klare rechtliche rote Linien zu ziehen“ und gleichzeitig das Wachstum der heimischen KI-Industrie zu unterstützen – im Einklang mit der aktuellen Regierungspolitik, die KI-Entwicklung zu fördern und zugleich ihre Risiken zu steuern. Der Schritt erfolgt inmitten eines Wettlaufs zwischen China und den USA um die technologische Vorherrschaft, in dem Peking bislang meist schnelle Verwaltungsanweisungen einem einzigen, umfassenden KI-Gesetz vorgezogen hat.
Deepfakes, geklonte Stimmen und die „Wiederbelebung der Toten“
Ein zentraler Teil des Gutachtens befasst sich mit von KI erzeugten digitalen Abbildern. Laut Xinhua stellen die Leitlinien klar, „dass niemand KI nutzen darf, um erkennbare digitale Abbilder anderer Personen ohne deren Zustimmung zu erstellen oder zu verbreiten, einschließlich geklonter Gesichter und Stimmen“. Die SCMP berichtet, dass die vom Gericht genannten Beispiele auch die Nutzung von KI umfassen, um Verstorbene digital „wiederzubeleben“ – ein Dienst, den einige chinesische KI-Unternehmen trauernden Familien bereits kommerziell anbieten. Das Gericht erklärte, dies könne rechtliche Schutzrechte in Bezug auf Identität, Bild, Stimme und Ruf einer Person verletzen, selbst wenn keine verleumderischen Inhalte im Spiel sind.
Das Gutachten eröffnet außerdem Opfern sexualisierter Deepfakes einen ausdrücklichen Klageweg: Es „bietet rechtlichen Rückgriff für jemanden, dessen Gesicht digital verändert wurde, um falsche, verleumderische sexuelle Behauptungen zu verbreiten“, so Xinhua. Nach den neuen Regeln kann ein KI-Diensteanbieter rechtlich haftbar gemacht werden, wenn er nach einer Benachrichtigung, dass sein System rechtsverletzende Inhalte erzeugt hat, nicht „rechtzeitig Maßnahmen ergreift“ – ein Notice-and-Takedown-Standard, der seit Langem für nutzergenerierte Inhalte gilt und nun ausdrücklich auf Ausgaben generativer KI-Systeme selbst ausgeweitet wird.
Algorithmische Preisgestaltung – „Raum lassen“, wo Konsens fehlt
Über Deepfakes hinaus richten sich die Leitlinien laut Xinhua auch gegen „algorithmische Preisdiskriminierung und von KI erzeugte Falschinformationen“ – eine Formulierung, die auf die seit Langem bestehende Verbraucherbeschwerde in China anspielt, bekannt als „Stammkunden mit Big Data abzocken“ (大数据杀熟), bei der Plattformen die Daten eines Stammkunden nutzen, um ihm heimlich mehr zu berechnen als einem Neukunden für dasselbe Produkt. Das Gutachten verbietet nicht jede algorithmische Preispraxis pauschal. SPC-Vizepräsidentin Tao Kaiyuan erklärte auf einer Pressekonferenz, die Leitlinien sollten „Entwicklung und Sicherheit ausbalancieren“ und vor allem verfahrensrechtliche Fragen für Richter klären, die KI-bezogene Fälle verhandeln, statt jede inhaltliche Frage auf einmal zu klären.
- 24 Artikel, veröffentlicht am 7. September 2026 vom Obersten Volksgerichtshof, wenden Zivilgesetzbuch, Cybersicherheitsgesetz, Urheberrechtsgesetz und Gesetz zum Schutz personenbezogener Informationen auf KI-Streitigkeiten an
- Verbietet die Erstellung oder Verbreitung erkennbarer digitaler Abbilder – einschließlich geklonter Gesichter und Stimmen – ohne Zustimmung der betroffenen Person
- Schafft ausdrücklichen Rechtsschutz für Opfer sexualisierter Deepfakes und von KI erzeugter Verleumdung
- Macht KI-Diensteanbieter haftbar, wenn sie nach Benachrichtigung über rechtsverletzende KI-Inhalte nicht handeln
- Richtet sich gegen algorithmische Preisdiskriminierung und von KI erzeugte Falschinformationen, ohne dynamische Preisgestaltung pauschal zu verbieten
Bei Fragen, zu denen derzeit nur schwer ein Konsens zu erzielen ist, lassen die Leitlinien Raum für Klärung, sodass weitere Erfahrungen gesammelt und passende Klarstellungen vorgenommen werden können, sobald die Bedingungen reif sind.
Was sich für deutsche KI-Unternehmen in China ändert
Präsident Xi Jinping hatte die Richtung bereits im Juli vorgegeben, als er Funktionäre auf einer nationalen Konferenz aufforderte, „das Risikobewusstsein zu stärken und sicherzustellen, dass KI sicher und kontrollierbar bleibt“ – eine Formel, die das Gutachten des SPC nun in einen konkreten juristischen Maßstab statt in ein bloßes politisches Schlagwort übersetzt. Für ein deutsches Unternehmen, das Chatbots, Stimmklon-Werkzeuge oder Bild- und Videogeneratoren für Nutzer in China anbietet, besteht die praktische Änderung darin, dass eine Löschanfrage wegen eines KI-generierten Deepfakes oder verleumderischer Inhalte nun einem klaren rechtlichen Test unterliegt: Wer eine Benachrichtigung über rechtsverletzende Inhalte ignoriert, setzt den Diensteanbieter einer direkten Haftung vor einem chinesischen Gericht aus – unabhängig davon, wo das zugrunde liegende Modell trainiert wurde. Der Abschnitt zur algorithmischen Preisgestaltung verdient ebenfalls eine genaue Lektüre jedes Unternehmens, das KI-gesteuerte dynamische Preise für chinesische Kunden einsetzt, selbst wenn es vollständig außerhalb Chinas operiert: Dieselbe Verbraucherschutzlogik, die lange gegen das „Abzocken von Stammkunden mit Big Data“ eingesetzt wurde, gilt nun ausdrücklich auch für von KI festgelegte Preise.
Quellen
- China's top court posts guidelines on deepfakes, voice cloning, algorithmic price discriminationHong Kong Free Press (AFP) · 8. September 2026
- China's highest court sets out new AI red lines with rules on deepfakes and privacySouth China Morning Post · 8. September 2026



