Trotz US-Blacklist kaufte Inspur weiter Nvidias beste KI-Chips
Drei Jahre nachdem Washington den chinesischen Servergiganten Inspur auf seine Schwarze Liste gesetzt hatte, verschiffte dessen umbenannte US-Tochter Aivres Technologie im Wert von 5,6 Milliarden Dollar, darunter Nvidias neueste Blackwell-Chips, über Südostasien.

Vor drei Jahren setzte das US-Handelsministerium die Inspur Group, einen der größten Serverhersteller der Welt, auf seine Entity List, die Schwarze Liste für Unternehmen, die als Risiko für die nationale Sicherheit eingestuft werden. Diese Listung sollte Inspur von amerikanischer Technologie abschneiden, einschließlich Nvidias fortschrittlichster KI-Chips. Das geschah nicht. Eine Recherche der New York Times, die auf Handelsdaten basiert, die gemeinsam mit der Datenfirma ImportGenius ausgewertet und von Inside AI News veröffentlicht wurden, ergab, dass Aivres — ein Unternehmen im Silicon Valley, das rechtlich die umbenannte US-Tochter von Inspur ist — zwischen April 2024 und Februar 2026 fortschrittliche amerikanische Technologie im Wert von mindestens 5,6 Milliarden Dollar exportierte, davon mehr als 3 Milliarden Dollar in Computern, die um Nvidias neueste Blackwell-Chips gebaut sind. Die Lieferungen liefen über Südostasien und gingen den gleichen Handelsdaten zufolge weiter an Rechenzentren und Technologiefirmen, die Chinas größte KI-Unternehmen beliefern, darunter Alibaba und ByteDance.
Was die Entity List tatsächlich blockiert
Die Entity List des Bureau of Industry and Security (BIS) ist das zentrale Instrument, mit dem Washington verhindert, dass sensible amerikanische Technologie zu Unternehmen gelangt, die als Sicherheitsrisiko gelten. Sobald ein Unternehmen gelistet ist, brauchen US-Lieferanten eine Sondergenehmigung — die für fortschrittliche Chips nur selten erteilt wird —, um ihm irgendetwas zu verkaufen, das den Exportkontrollregeln unterliegt. Was die Liste nicht automatisch tut, ist jede Konzerntochter eines gelisteten Unternehmens zu erfassen. Als die Inspur Group im März 2023 gelistet wurde, weil sie angeblich amerikanische Technologie für militärische Supercomputer beschaffen wollte, wurde ihre US-Tochter nicht namentlich genannt. Innerhalb von zwei Monaten legte diese Tochter still und leise den Namen Inspur Systems ab und nannte sich Aivres Systems. Auf dem Papier hält die Inspur Group nur ein Drittel an der Inspur Electronic, die wiederum Aivres vollständig besitzt — eine Trennung, die bislang ausgereicht hat, um Aivres von derselben Schwarzen Liste fernzuhalten, die es der Mutter unmöglich macht, überhaupt irgendetwas zu kaufen.
Ein umbenanntes Büro und eine Firma, die nicht antwortet
Aivres ist nicht das einzige Glied in der Kette. Von ImportGenius geprüfte Handelsdaten zeigen, dass ein chinesisches Unternehmen namens Maginfra, das im vergangenen Jahr gegründet wurde und nur wenige Straßen von Inspurs Hauptsitz in Jinan entfernt sitzt, in sechs Monaten Server im Wert von mehr als 700 Millionen Dollar aus Malaysia nach China importierte — darunter über 1.500 Einheiten zu Preisen, die für High-End-KI-Hardware üblich sind. Maginfra hat auf dem Papier keine Eigentumsverbindung zu Inspur, doch Unternehmensunterlagen zeigen, dass der gesetzliche Vertreter der Muttergesellschaft zuvor Positionen bei Inspur nahestehenden Firmen innehatte, und Patentanmeldungen nennen Erfinder, die früher bei Inspur beschäftigt waren. Als ein Reporter die eingetragene Adresse von Maginfra besuchte, war das Büro leer — ein paar Stühle und Schreibtische hinter einer verschlossenen Tür, während Mitarbeiter des Gebäudes erklärten, nie jemanden gesehen zu haben, der es nutzte. Trotzdem genehmigte die Trump-Regierung Maginfra in diesem Jahr eine Lizenz zum Kauf von Nvidias schwächeren H200-Chips, und Maginfra unterzeichnete separat einen Vertrag über 165 Millionen Dollar zum Verkauf von Hochleistungsrechentechnik an eine Sparte einer chinesischen Staatsbank.
- Umbenennung: Inspurs US-Tochter legte den Namen Inspur zwei Monate nach der Listung der Mutter im März 2023 ab und wurde zu Aivres.
- Eigentumsschichten: Die Inspur Group hält nur eine indirekte Drittelbeteiligung an der Gesellschaft, der Aivres gehört — genug, um die Tochter von der Entity List fernzuhalten.
- Briefkastenfirmen: Maginfra, ein neu gegründetes chinesisches Unternehmen mit Inspur-nahem Personal und Patenten, importierte in sechs Monaten Server im Wert von über 700 Millionen Dollar aus Malaysia.
- Fernzugriff über die Cloud: Chinesische Firmen sollen Modelle auf Nvidia-GB300-Chips in thailändischen Rechenzentren trainiert haben, ohne die Hardware jemals zu besitzen — eine Lücke, die aktuelle Exportregeln nicht abdecken.
Es fällt sehr schwer, sich das anzusehen und nicht ein staatlich gefördertes chinesisches Netzwerk zur Umgehung der Exportkontrollen zu erkennen.
Warum Washington die Lücke nicht schließt
Das Muster deutet ebenso sehr auf ein Vollzugsproblem wie auf ein rechtliches Problem hin. Im Handelsministerium sind zehn Monate vergangen, ohne dass ein einziges Unternehmen zur Entity List hinzugefügt wurde — die längste Pause seit 18 Jahren, wie aktuelle und ehemalige Beamte gegenüber Inside AI News erklärten. Beamte sagen, die Regierung sei bei der Ausweitung der Schwarzen Liste vorsichtiger geworden, nachdem ein früherer Versuch 2025 Vergeltungsdrohungen aus Peking ausgelöst habe. Am 31. Mai 2026 veröffentlichte das Bureau of Industry and Security eine Klarstellung, wonach sich die Lizenzpflicht nach der obersten Muttergesellschaft eines Unternehmens richtet, unabhängig von deren Sitz und davon, welche Tochter die Bestellung aufgibt — eine Regel, die laut Behörde formal seit November 2023 gilt, obwohl Aivres bislang keiner Liste hinzugefügt wurde. Im Kongress passierte der Remote Access Security Act, der die Exportkontrollen auf in der Cloud gemietete Chips ausweiten würde und nicht nur auf Chips, die ein Unternehmen direkt besitzt, im Januar 2026 das Repräsentantenhaus, hängt laut CNBC aber weiterhin im Senat fest. 'Wollen sie sie nun verbieten oder nicht?', fragte Jordan Nanos, Analyst bei SemiAnalysis, der die Geschäfte von Aivres untersucht hat, und wies darauf hin, dass die Tochter dieselben Server, dasselbe Personal und dieselben Büros nutzt wie ihre sanktionierte Mutter. Nvidia-Sprecher John Rizzo erklärte, das Unternehmen unterstütze keine 'umgeleiteten Produkte' und verkaufe nur an Partner, die sich um die Einhaltung der Exportregeln bemühten.
Was das für die Chip-Lieferkette bedeutet
Für deutsche und europäische Unternehmen, die KI-Hardware verkaufen, verschiffen oder installieren, ist der Fall Aivres eine Warnung: Compliance kann sich nicht mehr allein am Namen auf der Bestellung orientieren. Die oberste Muttergesellschaft eines Käufers, seine Eigentumskette sowie Personal oder Büros, die er mit einer sanktionierten Einheit teilt, können wichtiger sein als die Frage, welche juristische Person den Vertrag unterschreibt — und Regulierungsbehörden haben gezeigt, dass sie solche Zusammenhänge erst im Nachhinein veröffentlichen, statt sie im Voraus zu unterbinden. Distributoren und Cloud-Betreiber, die mit Rechenzentren in Südostasien zusammenarbeiten, sind einem ähnlichen Risiko beim Fernzugriff auf Rechenleistung ausgesetzt, einem Bereich, den amerikanische Regulierer aktiv unter Lizenzpflicht stellen wollen. Bis der Senat über den Remote Access Security Act abstimmt oder das Bureau of Industry and Security neue Namen auf seine Liste setzt, liegt die Last, diese Lücken zu schließen, vor allem bei den Verkäufern selbst.
Quellen
- How a Blacklisted Chinese Tech Giant Kept Buying America's Best AI ChipsInside AI News · 7. September 2026
- China AI firms tap Nvidia power overseas as U.S. weighs crackdownCNBC · 19. August 2026



