Telekom-Chefs warnen: Großbritannien droht Rückstand im KI-Wettlauf ohne schnellere Netze
Andrea Donà, Netzchef von VodafoneThree, sagt, er schäme sich für die Qualität der britischen Mobilfunknetze: Glasfaser hat stark aufgeholt, doch 5G hinkt hinterher – ein Risiko für Großbritanniens KI-Ambitionen, warnen Branchenvertreter.

Führende Vertreter der britischen Telekommunikationsbranche warnen, dass Großbritannien im globalen Wettlauf um künstliche Intelligenz ins Hintertreffen geraten könnte, wenn Festnetz und Mobilfunknetze nicht deutlich schneller modernisiert werden als bisher. Die öffentliche Debatte über KI-Infrastruktur hat sich bislang vor allem um Rechenzentren und deren enormen Energie- und Wasserbedarf gedreht. Doch mit zunehmender KI-Nutzung, so die Branche, werden auch Festnetz und Mobilfunk, die den alltäglichen Datenverkehr tragen, unter vergleichbaren Druck geraten, da Verbraucher und Unternehmen ein wachsendes Volumen an KI-bezogenen Daten erzeugen.
Ein Netz, für das man sich schämt
Andrea Donà, Netzchef bei VodafoneThree – dem größten britischen Mobilfunkanbieter, entstanden aus der Fusion von Vodafone und Three –, meint, die Mobilfunknetze des Landes kämen schon mit der heutigen Nachfrage kaum zurecht, geschweige denn mit der von morgen. Die Mobilfunkabdeckung in Großbritannien liegt hinter der aller 27 EU-Mitgliedstaaten und aller anderen G7-Länder zurück, wie eine aktuelle Analyse der Verbraucherorganisation Which? auf Basis von Daten des Netzanalyse-Unternehmens Opensignal zeigt. Großbritannien belegt weltweit Platz 57 bei der allgemeinen Netzleistung, Platz 70 bei den Download-Geschwindigkeiten und Platz 55 bei der für Videoanrufe, Streaming und Gaming nötigen Zuverlässigkeit.
Ich schäme mich heute für die Qualität unserer Netze.
Großbritannien verdiene das, was Mobilfunkmarken wie EE, O2 und VodafoneThree bieten könnten, so Donà – doch die Branche brauche eine Regulierungsreform, um dorthin zu gelangen, eine Botschaft ebenso an die Politik wie an die eigene Branche.
Von Wembley zum Alltag
Donà vergleicht das Risiko einer durch KI ausgelösten Netzüberlastung mit den Signalausfällen, die Nutzer bereits bei großen Veranstaltungen erleben – einem Konzert im Wembley-Stadion, dem Großen Preis von Großbritannien in Silverstone oder einem Rugby-Länderspiel in Twickenham, wenn Zehntausende Handys um dieselbe lokale Kapazität konkurrieren. Aus seiner Sicht sind diese vereinzelten, vorübergehenden Ausfälle ein Vorgeschmack darauf, wie die tägliche Konnektivität aussehen könnte, sobald künstliche Intelligenz das Netz nicht mehr gelegentlich, sondern dauerhaft belastet.
11 Milliarden Pfund für eigenständiges 5G – ausgebremst durch die Bauplanung
Die großen britischen Mobilfunkanbieter investieren stark in Stand-alone-5G-Technologie, die deutlich mehr Kapazität und geringere Latenz freisetzt als heutige Netze. Allein VodafoneThree hat 11 Milliarden Pfund für diese Modernisierung zugesagt. Doch die Branche beklagt, dass Genehmigungsverfahren den Ausbau bremsen. Donà zufolge geht es dem Unternehmen nicht darum, weitere Mastenstandorte zu bauen – tatsächlich reduziert es sein landesweites Mastennetz sogar um 30 Prozent –, sondern darum, bestehende Standorte zu modernisieren. Rund 96 Prozent der nötigen Upgrades betreffen bereits vorhandene Standorte, so Donà, doch mehr als die Hälfte davon benötige weiterhin eine Form der Baugenehmigung – ein Verfahren, das Betreiber als langwierig und bürokratisch beschreiben. Donà fordert die Regierung auf, die Reform der Bauplanung als nahezu kostenlose Wachstumsmaßnahme zu behandeln, und weist darauf hin, dass Betreiber trotz ihrer Einstufung als kritische nationale Infrastruktur nicht dieselben Erleichterungen bei Gewerbesteuer und Energiekosten erhalten wie Sektoren wie Rechenzentren, Energie oder Wasser.
- Großbritanniens Mobilfunknetze belegen weltweit Platz 57 bei der Gesamtleistung
- Platz 70 weltweit bei den Download-Geschwindigkeiten
- Platz 55 bei der für Anrufe, Streaming und Gaming nötigen Zuverlässigkeit
- Schlechtere Abdeckung als alle 27 EU-Staaten und alle anderen G7-Länder
- VodafoneThree hat 11 Milliarden Pfund für den Umstieg auf Stand-alone-5G zugesagt
- Rund 96 Prozent der nötigen Upgrades betreffen bestehende Standorte, über die Hälfte davon braucht eine Baugenehmigung
Ein 'junges' Thema, das strategisch werden dürfte
Ein zweiter hochrangiger Branchenvertreter erklärte unter der Bedingung der Anonymität, dass die Verbindung zwischen KI und Konnektivität derzeit zwar noch begrenzt sei, in zwei bis drei Jahren jedoch zu einer Frage der nationalen Wettbewerbsfähigkeit werden dürfte, sobald KI in eine neue Gerätegeneration des Alltags integriert sei. Der Vergleich, den er zieht, ist der langsame Ausbau des Glasfasernetzes im vergangenen Jahrzehnt, der erst zur politischen Priorität wurde, als sein Fehlen wie ein echter Nachteil wirkte. Seine Warnung an Politik und KI-Unternehmen gleichermaßen: Netze werden oft erst spät mitgedacht – bis sie zum Engpass werden.
Das Netz ist nicht die einzige Lücke
Das Konnektivitätsdefizit Großbritanniens ist nicht das einzige Hindernis, dem Telekommunikationsanbieter beim Tempo der KI gegenüberstehen. Eine separate globale Studie des Technologieberatungsunternehmens HTEC, über die ITBrief UK berichtete, befragte 255 Telekom-Führungskräfte in den USA, Großbritannien, Deutschland, Spanien, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Weniger als ein Viertel, 24,8 Prozent, glaubt, dass die eigene Organisation KI schnell skalieren kann. Fast alle Befragten, 99 Prozent, berichten von kritischem Fachkräftemangel, am stärksten bei Cybersicherheit und Datenschutz, bei KI und maschinellem Lernen sowie in der Datentechnik. Knapp die Hälfte, 47,5 Prozent, nennt mangelnde Abstimmung auf Führungsebene als größte Hürde für die Skalierung von KI, und 45,1 Prozent haben Schwierigkeiten, KI in bestehende Netz- und IT-Systeme zu integrieren. HTEC-Forscher schätzen, dass Betreibern im Schnitt weniger als zwei Jahre bleiben, um diese Lücke zu schließen, bevor sie dauerhaft ins Hintertreffen geraten – eine Frist, die der Dringlichkeit entspricht, die britische Führungskräfte bei der physischen Netzkapazität äußern.
Für deutsche Unternehmen mit Geschäft in Großbritannien, oder solche, die KI-intensive Dienste für britische Kunden planen, ist die Botschaft eindeutig: Eine ungleichmäßige Mobilfunkkapazität dürfte noch Jahre Realität bleiben. Es ist zugleich ein Warnsignal für Deutschland selbst: Der Ausbau der Mobilfunknetze hält nicht überall mit dem Glasfaserausbau Schritt, und der britische Fall zeigt, dass die Lösung eines Engpasses oft nur einen weiteren freilegt, der sich unter Zeitdruck deutlich teurer beheben lässt.
Quellen
- UK risks falling behind in AI race without faster telecoms upgrades, say executivesThe Guardian · 29. August 2026
- Telecom Chiefs Say AI Scaling Hampered by Skills GapsITBrief UK · 15. Mai 2026



