Crusoe stoppt 1,25-Milliarden-Dollar-Plan mit Boom-Turbinen
Crusoe beendet die geplante Bestellung von 29 Gasturbinen bei Boom Supersonic. Der Rückzug trifft Booms neues Energiegeschäft, während der KI-Rechenzentrumsbauer seine Stromversorgung je Standort neu ausrichtet.

Am 25. September 2026 bestätigte Crusoe, dass das Unternehmen keine Geschäfte mehr mit Boom Supersonic für dessen stationäre Superpower-Turbinen betreibt. Damit fällt eine angekündigte Vereinbarung über 29 Anlagen mit einem Wert von 1,25 Milliarden US-Dollar weg. Die ersten Lieferungen waren nach den zuvor veröffentlichten Plänen ab 2027 vorgesehen.
Startkunde zieht sich zurück
Boom-Chef Blake Scholl teilte am Freitag auf X mit, die Unternehmen würden die Partnerschaft zur Markteinführung der Turbinen nicht weiterverfolgen. Als Grund nannte er, dass Turbinen in Crusoes kurzfristigem primären Strommix für Abilene und weitere Standorte keine Rolle mehr spielten. Deshalb ergebe eine Launch-Partnerschaft aus seiner Sicht keinen Sinn.
Crusoe bestätigte diese Darstellung gegenüber TechCrunch. Sprecher Andrew Schmitt erklärte, das Unternehmen errichte KI-Fabriken ausgehend von der Energieversorgung und nehme neue Campus in den USA in Betrieb. Mit wachsendem Portfolio wolle Crusoe flexibel bleiben und für jeden Standort die jeweils passende Lösung wählen. Dazu könnten Turbinen ebenso zählen wie Windkraft, Solarenergie, Batterien und das Stromnetz.
Eine Turbine aus der Flugzeugentwicklung
Bei Superpower handelt es sich um ein neues Geschäft von Boom Supersonic, einem ebenfalls in Denver ansässigen Unternehmen. Boom entwickelt vor allem das Überschall-Passagierflugzeug Overture. Die stationäre Anlage basiert auf Technik des dafür vorgesehenen Symphony-Triebwerks; laut Boom sind rund 80 Prozent der Teile beider Systeme identisch. Der Brennstoff der Turbine ist Erdgas.
- Die geplante Bestellung umfasste 29 Superpower-Turbinen.
- Jede Anlage ist mit 42 Megawatt Leistung angegeben.
- Die Vereinbarung hatte ein Volumen von 1,25 Milliarden US-Dollar.
- Die ersten Auslieferungen sollten ursprünglich 2027 beginnen.
Die rechnerische Leistung der Bestellung liegt bei rund 1,2 Gigawatt. Für Boom war Crusoe der erste angekündigte Kunde dieses Angebots. Der Verlust eines solchen Startkunden ist daher ein Rückschlag, auch wenn Boom weiterhin mit anderen Abnehmern rechnet. Scholl schrieb, Boom wolle im kommenden Jahr etwa 250 Megawatt Superpower-Leistung an andere Standorte liefern und ziele für 2028 auf ein Gigawatt.
Abilene nutzt unterschiedliche Strommodelle
Crusoes erster Rechenzentrumscampus in Abilene im US-Bundesstaat Texas hat nach Unternehmensangaben eine Leistung von 1,2 Gigawatt und wurde für Oracle und OpenAI errichtet. Dieser Campus wird demnach über das öffentliche Stromnetz versorgt. Ein Gaskraftwerk mit Turbinen am Standort dient dort nur als Notstromversorgung.
Parallel baut Crusoe in Abilene ein Rechenzentrum mit 900 Megawatt für Microsoft. Dieses Projekt soll nach den vorliegenden Angaben mit Gaskraftturbinen auf dem Gelände versorgt werden. Die Absage an Boom bedeutet somit nicht, dass Crusoe Turbinen grundsätzlich ausschließt. Sie betrifft vielmehr die kurzfristige Rolle von Booms Produkt im Energiemix der jeweiligen Projekte.
Crusoe wurde 2018 als Bitcoin-Miner gegründet, der überschüssiges Erdgas von Ölfeldern nutzte. Inzwischen zählt das Unternehmen zu den größeren Erbauern von KI-Rechenzentren. Es hatte kürzlich 3,9 Milliarden US-Dollar aufgenommen. Boom wiederum hatte im vergangenen Jahr 300 Millionen US-Dollar eingesammelt, überwiegend zur Kommerzialisierung des stationären Energiegeschäfts. Scholl hatte zuvor erklärt, dessen Gewinne sollten auch die Entwicklung von Overture finanzieren.
Für europäische Beobachter ist der Fall vor allem ein Hinweis auf die Bedeutung der Strombeschaffung bei KI-Infrastruktur. Große Rechenzentren lassen sich nicht allein nach verfügbarer Rechenleistung planen: Netzanschlüsse, Reservekapazität, lokale Erzeugung und der Zeitpunkt der Inbetriebnahme beeinflussen die Auswahl. Die jetzt bestätigte Trennung lässt offen, ob Crusoe und Boom später erneut zusammenarbeiten. Scholl schloss diese Möglichkeit ausdrücklich nicht aus, nannte aber keinen Termin oder neue Vertragsbedingungen.
Der Vorgang zeigt, dass die Stromstrategie für KI-Rechenzentren nicht allein aus der Nennleistung einzelner Anlagen abgeleitet werden kann. Crusoe setzt je nach Campus auf unterschiedliche Kombinationen aus Netzanschluss, lokaler Erzeugung, Reserveversorgung, Batterien sowie erneuerbaren Quellen. Auch in Abilene erfüllen Gasturbinen je nach Projekt verschiedene Aufgaben. Für Boom bleibt der Verlust des vorgesehenen Startkunden ein bedeutender Einschnitt, doch das Unternehmen verweist weiterhin auf Lieferziele für andere Standorte. Unklar ist jedoch, wie weit die ursprüngliche Vereinbarung rechtlich fortgeschritten war und welche Gründe neben der veränderten Energieplanung zur Entscheidung beitrugen. Entscheidend wird daher sein, ob Boom seine stationäre Technik bei weiteren Kunden tatsächlich platzieren kann und wie Crusoe die Versorgung seiner wachsenden Campus konkret absichert. Erst diese Schritte werden zeigen, welche Rolle flexible Erzeugung im Ausbau von KI-Infrastruktur dauerhaft spielt.



