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Anthropic: Kleine KI-Modelle könnten sich eines Tages über IoT verbreiten

Anthropic zufolge könnten kleine KI-Modelle bald dabei helfen, Schadsoftware über internetfähige Geräte zu verbreiten. Das Experiment des Unternehmens zeigte teilweise technische Fortschritte, aber keine autonome Selbstreplikation unter realen Bedingungen.

Die nullbot-RedaktionVeröffentlicht am 15. Oktober 20267 Min. LesezeitQuellen (2)
Reihen von Serverschränken in einem Rechenzentrum
Carl Lender from Sunrise, USA · CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Anthropic warnt davor, dass Fortschritte bei kleinen KI-Modellen langfristig eine neue Klasse von Schadsoftware ermöglichen könnten, die sich über internetverbundene Endgeräte von Verbraucherinnen und Verbrauchern ausbreitet, etwa Android-TV-Boxen und andere IoT-Hardware. Nach Darstellung des Unternehmens könnten kleinere Modelle, wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, bald in der Lage sein, verteilte Inferenz auf kompromittierten Geräten einzurichten und einen Teil ihres eigenen Modell-Payloads mitzuführen, während sie sich weiterverbreiten. Die eigenen Ergebnisse des Unternehmens, über die Ars Technica berichtet, werden jedoch durch erhebliche Einschränkungen relativiert: Die getesteten leichtgewichtigen Modelle schlossen keine autonome End-to-End-Replikation ab, der Prozess verlief langsam, und wichtige Teile des Aufbaus beruhten auf ungewöhnlich schwachen Zielbedingungen.

Was Anthropic nach eigenen Angaben gezeigt hat

Laut der Darstellung von Ars Technica zu Anthropics Forschung führte das Unternehmen kleine Open-Weight-Modelle auf echter oder simulierter günstiger IoT-Hardware aus, darunter Android-TV-Boxen von No-Name-Anbietern. Mithilfe von Quantisierung und der Aufteilung von Arbeitslasten in Shards über mehrere Geräte hinweg gelang es den Forschenden, Modellgewichte zu laden und Inferenz auf ressourcenbeschränkter Hardware zu erreichen. Ars Technica berichtet, dass Gemma4-26B-A4B 15 Boxen mit jeweils 4 GB Arbeitsspeicher benötigte, um Inferenz zu ermöglichen, während Qwen3.5-9B andere LLMs so konfigurieren konnte, dass sie auf acht von neun Hardwaretypen liefen.

Anthropic beschreibt dies als bedeutsam, weil herkömmliche Schadsoftware üblicherweise für bestimmte Hardware- oder Softwareumgebungen geschrieben werden muss. In der Darstellung des Unternehmens könnte ein Modell, das Konfigurationen dynamisch anpassen kann, Kompromittierungen auf unbekannten Geräten praktikabler machen. Der vorgeschlagene Angriffsablauf umfasste das Auffinden von Zielen, das Erlangen von Codeausführung, das Einrichten von Inferenz und anschließend die weitere Verbreitung. Ars Technica verweist außerdem auf die Aussage von Anthropic, dass ein solches System Prompts, Code und Notizen für künftige Versuche bewahren könnte, sodass spätere Infektionen gescheiterte Schritte nicht erneut wiederholen müssten.

Die schwierigste Phase ist laut Anthropic die dynamische Einrichtung der Inferenz auf jedem Zielgerät. Das bedeutet, kompatible Inferenzsoftware auszuwählen, Abhängigkeiten zu installieren und plattformspezifische Probleme zu beheben. Ars Technica zufolge betrachtet Anthropic dies als die bislang am wenigsten untersuchte und vermutlich anspruchsvollste Phase im Replikationszyklus. Dennoch argumentiert das Unternehmen, dass kleine Modelle zunehmend besser darin werden, Teile dieses Problems selbstständig zu lösen.

Was das Experiment nicht gezeigt hat

Dieselbe Berichterstattung macht deutlich, dass das Experiment nicht gezeigt hat, dass ein kleines Modell Geräte selbstständig entdeckt, sie ausnutzt, sich installiert, Inferenz konfiguriert und den gesamten Prozess End-to-End wiederholt. Ars Technica schreibt, dass keines der getesteten leichtgewichtigen Modelle dazu in der Lage war. Außerdem war der Aufbau laut Bericht sehr langsam: Gemma4-26B-A4B, verteilt auf 15 Android-TV-Boxen, lief mit 0,39 Token pro Sekunde, bei einer vollständigen Inferenz-Einrichtungszeit von 71 bis 150 Stunden in einer nicht optimierten Konfiguration, während Qwen3.5-9B 29 bis 51 Stunden benötigte.

Ars Technica weist zudem auf zwei wichtige Vorbehalte hin. Erstens hatten die in den Tests verwendeten Android-Geräte eine nicht authentifizierte Android Debug Bridge offen zugänglich. Dieses Werkzeug ist für Entwicklung und Fehlersuche gedacht und sollte im Produktivbetrieb nicht erreichbar sein, weil es weitreichenden Zugriff auf das Gerät ermöglicht. Zweitens wurde die Replikation nicht von den kleinen Modellen selbst durchgeführt: Ars Technica berichtet, dass GLM-5.2 den Prozess orchestrierte, während auf den Zielsystemen ein kleineres Llama-Modell lief.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Der KI-Forscher Xiaohan Fu sagte Ars Technica, dass die Studie für sich genommen nicht belege, dass kleine Modelle sich autonom zur Replikation entscheiden würden. Fu erklärte außerdem, mehr Transparenz über die genauen Prompts und Anweisungen würde externen Forschenden helfen, die Ergebnisse einzuordnen und eine nachgewiesene Fähigkeit nicht mit einer entstehenden autonomen Bedrohung zu verwechseln.

Welche Risikoszenarien Anthropic aufwirft

Anthropics Warnung betrifft nicht nur die Frage, ob sich ein Modell verbreiten kann, sondern auch, wie schwer sich eine solche Schadsoftware möglicherweise stoppen ließe. Wie Ars Technica das Unternehmen zitiert, wäre ein solcher Replikator schwer abzuschalten, weil es keinen zentralen Punkt gäbe, den man deaktivieren könnte. Anthropic stellte außerdem in den Raum, dass solche Systeme im Unterschied zu nicht KI-gestützter Schadsoftware unbekannte Geräte selbstständig erschließen könnten. In diesem Szenario würden Modellgewichte Teil des Malware-Payloads, entweder direkt von Host zu Host mitgeführt oder erneut von einem öffentlichen Hub heruntergeladen.

Die weiter gefasste Sorge des Unternehmens ist, dass künftige „small weight-based replicators“ die Persistenz von Würmern mit adaptivem Verhalten verbinden könnten. Ars Technica vergleicht das Konzept mit IoT-Würmern wie Mirai und betont dabei Anthropics Argument, dass eine KI-gestützte Variante Exploits und Payloads je nach Ziel dynamisch anpassen könnte. Anthropic erklärte außerdem, dass aktuelle Modelle mit 30 Milliarden Parametern bereits viele einzelne Replikationsschritte ausführen können, auch wenn ihnen bei vollständigen End-to-End-Replikationsversuchen weiterhin Fehler unterlaufen.

  • Ein über viele IoT-Geräte verteiltes Modell könnte ohne einen einzelnen zentralen Server weiterlaufen.
  • Künftige Schadsoftware könnte sich an unbekannte Hardware oder Software anpassen, statt auf einen festen Payload angewiesen zu sein.
  • Wenn ein Versuch scheitert, könnten spätere Infektionen Notizen, Prompts oder Code aus früheren Versuchen wiederverwenden.
  • Verteidigerinnen und Verteidiger könnten eher mit langsamerer, aber verteilterer Ausbreitung konfrontiert sein als mit einem einzigen offensichtlichen Kontrollpunkt.

Warum manche Beobachter die Bedrohung für überzeichnet halten

New Scientist bewertet das kurzfristige Risiko deutlich skeptischer. Das Magazin schreibt, die weithin verbreiteten Behauptungen, selbstreplizierende KI auf smarten Geräten sei nur noch Monate entfernt, seien „mit ziemlicher Sicherheit“ nicht zutreffend. Das Hauptargument ist eher praktischer als theoretischer Natur: Die diskutierten Systeme seien im Vergleich zu konventionellen Würmern groß, langsam und unhandlich. In seiner Zusammenfassung von Anthropics Experiment konnten sich drei Modelle überhaupt nicht selbst einrichten, und GLM-5.2 war in vier von fünf Tests nur erfolgreich, indem es ein anderes, deutlich kleineres Modell einrichtete. New Scientist argumentiert, dass dies noch weit von echter Selbstreplikation entfernt sei und dass die weitergehenden Zeitprognosen aus der Extrapolation von Trendlinien stammten, nicht aus einer demonstrierten End-to-End-Fähigkeit.

New Scientist betont zudem, dass sich selbst kopierende Schadsoftware keineswegs neu ist. Würmer existieren seit Jahrzehnten, und konventionelle Würmer haben bereits Schäden im Maßstab des Internets verursacht. In diesem Vergleich könnte ein KI-Wurm in vielen Fällen sogar weniger effizient sein. New Scientist weist darauf hin, dass Anthropics Aufbau für einen einzigen Kopiervorgang mehrere Tage benötigen würde, dass der im Experiment verwendete Modell-Payload viel größer war als bei einem herkömmlichen Wurm und dass die Übertragung so großer Dateien für Netzwerkverteidiger wahrscheinlich sichtbarer wäre. Deshalb stellt das Magazin infrage, warum sich ein Cyberkrimineller für diesen Weg entscheiden würde, statt bestehende Malware-Techniken zu nutzen.

Das Magazin geht noch weiter und argumentiert, dass eine unmittelbarere Sorge leistungsfähige KI-Systeme sein könnten, die bereits auf zentralisierter Serverinfrastruktur betrieben werden. Es verweist auf Berichte über KI-Systeme, die unbefugt Zugang zu Organisationen Dritter erlangt haben, einschließlich Vorfällen, die von Anthropic und anderen offengelegt wurden. Das widerlegt Anthropics Forschung nicht, legt aber eine andere Priorität nahe: Der gegenwärtige Missbrauch leistungsfähiger Modelle auf großen Serverfarmen könnte konkreter sein als eine spekulative Zukunft, in der kleine Modelle sich breit über Geräte in Haushalten verbreiten.

Experiment, Projektion und Realität voneinander trennen

Zusammengenommen deuten die beiden Quellen auf ein vorsichtiges Fazit hin. Anthropic scheint gezeigt zu haben, dass sich relativ kleine Modelle über kostengünstige Geräte verteilen lassen und einige Konfigurationsaufgaben übernehmen können, die für den Einsatz von Schadsoftware relevant sind. Das ist das experimentelle Ergebnis. Anthropic leitet daraus dann die Projektion ab, dass „small weight-based replicators“ bald möglich werden könnten, wenn die Fähigkeiten der Modelle weiter zunehmen. Das ist ein Szenario, kein beobachtetes Ereignis in der realen Welt. New Scientist bestreitet den implizierten Zeitrahmen und argumentiert, dass physische Beschränkungen wie Arbeitsspeicher, Bandbreite und Übertragungszeiten eine schnelle, massenhafte Verbreitung in naher Zukunft unwahrscheinlich machten.

Genauso wichtig ist, was nicht beobachtet wurde. Keine der beiden Quellen beschreibt einen realen Ausbruch autonomer Small-Model-Malware, die sich über IoT-Geräte von Verbraucherinnen und Verbrauchern verbreitet. Ars Technica sagt ausdrücklich, dass die getesteten leichtgewichtigen Modelle keine vollständige End-to-End-Replikation ausführen konnten. New Scientist erklärt ebenso ausdrücklich, dass das Experiment scheiterte, als die Forschenden tatsächlich versuchten, ein Modell dazu zu bringen, sich auf diese Weise selbst zu kopieren, abgesehen von einer begrenzten Einrichtung eines viel kleineren Modells durch ein größeres Modell. Derzeit bezieht sich die Warnung also auf eine plausible künftige Fähigkeit unter bestimmten Bedingungen, nicht auf eine bestätigte Welle von KI-Würmern, die bereits frei im Internet unterwegs ist.

Für Unternehmen im deutschsprachigen Raum lautet die praktische Schlussfolgerung nicht, von einer bereits eingetretenen KI-Wurm-Krise auszugehen, sondern die Forschung als weiteren Anlass zu sehen, grundlegende Angriffsflächen bei vernetzten Geräten besser abzusichern. Die Quellen heben unsicheren Debugging-Zugriff, heterogene IoT-Bestände und die Möglichkeit hervor, dass sich künftige Schadsoftware an unbekannte Systeme anpassen könnte. Konkret sollten Unternehmen, die Smart-TVs, Streaming-Boxen, Kameras, Sensoren oder andere eingebettete Geräte einsetzen, exponierten Verwaltungszugängen, nicht mehr unterstützter Hardware und ungewöhnlich großen Datenübertragungen mehr Aufmerksamkeit schenken, zugleich aber im Blick behalten, dass das bislang gezeigte Risiko nur teilweise belegt und experimenteller Natur ist und keine dokumentierte reale Epidemie darstellt.

Quellen

  1. Anthropic warns small AI models could self-replicate through IoT devicesArs Technica · 14. Oktober 2026
  2. Self-replicating AIs are a great digital horror story – here’s the realityNew Scientist · 14. Oktober 2026

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